Bertram Bartl
Neoarchaik

Stimmen

Bertram Bartl beschäftigt sich mit Nacktheit auf seine ganz eigene Art. Seine Venusdarstellungen verweisen auf die Frauen des Paläolithikums … . Die von Bartl in mehreren Schichten aufgetragenen Erdfarben machen die Vitalität und geerdete Plastizität seiner Venusfiguren spürbar. Diese Frauen erscheinen in ihrer üppigen, vor dem Betrachter quasi ausgebreiteten Körperlichkeit erotisch. Arme oder ausgearbeitete Köpfe würden diesen Gesamteindruck nur stören. Der Künstler hat sich mit diesem Problem beschäftigt und sie entsprechend reduziert dargestellt. Bartl betont, dass es ihm um das Erleben von Körpern geht. Tatsächlich wirken seine Venusakte wie wahre Körperlandschaften, die zugleich riesenhaft, aber doch intim wirken, als seien diese Frauen ganz bei sich selbst, in sich ruhend.

Heidrun Heil
Kunsthistorikerin, Ulm

Nur Augen, Mund und Nase, gleichsam die anthropologischen Grunddaten, zeigen Bertram Bartls neueste Bilder, die er unter den Begriff der Neoarchaik gestellt hat. Archaisch ist die Flächigkeit dieser Gesichter, die meist plan vor einem Hintergrund stehen und nur durch Modellierungen und verschiedene Oberflächen an Räumlichkeit gewinnen. Die Gesichter begleitende Gipsskulpturen sind dazu wie altmexikanische Reliefs aus dreidimensionalen Rechtecken und winklig gebrochenen Konturen aufgebaut. In ihrer Dreidimensionalität bringen sie das Gesicht in Form von Augenhöhlen und Mundöffnungen direkt zur Anschauung.

Die Malerei erscheint dagegen zum Teil fast völlig abstrakt. In der Regel hochformatige Leinwände mit monochromem Hintergrund sind mit Liniengerüsten strukturiert, die exakt aus Skizzenblättern reproduziert sind. Die winzigen Kopfformen, die seit Jahren zu Hunderten entstehen, wandeln sich unter der Hand des Malers zu Flächenordnungen. In den Gesichtsbildern sind es zu Haken, Ösen, Schlaufen und Winkel vereinfachte Gesichtszüge, die in den meist leicht gerundeten, aufragenden Flächen das Gesicht nur vermuten lassen. Vom fast abstrakten Gesichtskreuz über graphische Kürzel, die in Flächen eingehängt sind, bis zu den Musenköpfen, die an Arbeiten von Brancusi erinnern, reicht die Bandbreite der Gestaltung. In der Serie der Musen zerfällt der Typus scheinbar, ist einmal auch nur hälftig zu sehen, sonst durch einen Riss getrennt und mit Klammern fest verschraubt. Diese Arbeit am Typus des Gesichtsbildes geht einher mit einer reichen und differenzierten Malerei. Glatt verstrichene sind gegen getüpfelt strukturierte Oberflächen gesetzt, eine fast expressive Pinselführung kann kontrollierte Flächen ablösen, dünn gemalte Partien findet man neben Linien, die kaum noch Farbe tragen können. Diese Bilder sind in Ulm entstanden, in einem hohen weißen Raum ohne Ausblick, dem White Cube des Künstlers, der hier in immer neuen Varianten seine Bilder sucht und findet. „Malerei ist ein Ritual“, wie er sagt, ein langwieriges Auftragen von Schicht um Schicht, bis das Bild soviel Gewicht hat, dass es stehenbleiben kann.

Jedes Werk ist eine Hypothese dazu, wie das Konzept Malerei heute mit Leben erfüllt werden kann.

Die Beschränkung auf das einzige Motiv des Kopfes dient dabei als Gerüst, mittels dessen die Materie auf der Leinwand geordnet wird. Im Gesicht ist aber auch die sinnliche Präsenz des Menschen konzentriert, die in Erinnerung an Kandinskys Polarität der abstrakten und damit geistigen Form des Bildes Spannung verleiht. Weit weg von Mexiko oder anderen archaisch gestimmten Orten entsteht so Bertram Bartls Kunst als Malerei über Malerei.

Neoarchaik ist ein Begriff, der nicht nur auf die Reduktion der Gestalt, sondern auch auf die Tradition elementarer Malerei verweist. Das kleine Neo davor erinnert an die Distanz, die uns von Altmexiko und anderen archaischen Kulturen ebenso trennt, wie von allen hochfliegenden Ursprünglichkeitsversprechen des zwanzigsten Jahrhunderts.

Dr. Reto Krüger
Kunsthistoriker, Karlsruhe

… Wenn ein Lexikoneintrag recht hat, der besagt, dass archaische Kunst die Frühstufe einer Kunstentwicklung meint, die durch einen strengen, kargen Stil gekennzeichnet werde, dann stellten Bertram Bartls Werke den gelungenen Versuch dar, nach dem Verlust einer früheren Kultur, einer früheren Kunststufe diese Naivität, scheinbar paradoxerweise, in einem zweiten Durchgang bewusst, reflektiert neu zu erobern, in einer Zeit, in der in der Welt der Kunst schon alles durchbuchstabiert worden ist, vom Realismus, Naturalismus und Impressionismus des 19. Jahrhunderts bis zur totalen Abstraktion und der „neuen Heftigkeit“ der zurückliegenden Jahrzehnte. Bertram Bartl unternimmt nichts Geringeres als den Versuch, eine reflektierte, eine neue, eine scheinbare Naivität zu konstituieren, wie dies Heinrich von Kleist in seinem „Versuch über das Marionettentheater gefordert hat. … Bertram Bartl sagt, Malerei bestehe aus einem langwierigen Auftragen von Farbe Schicht um Schicht, bis das Bild so viel Gewicht habe, dass es stehen bleiben könne. Malerei sei ein Ritual. Auch diese Aussage stimmt zum Konzept der Neorchaik. Es ist deutlich, dass gerade unsere Zeit Rituale braucht.

Dr. Jürgen Glocker
zur Eröffnung der Ausstellung am 15.10.2005 in der alten Werkhalle in Waldshut-Tiengen

… Bartl arbeitet am Typus seiner Gesichtsbilder, konzentriert sich auf deren Augen- und Mundpartien sowie die Nasen als Mittellinien, spinnt hier gleichsam forschend mehrere Fäden, weist in verschiedene Richtungen mit hoher Dichtigkeit, legt so alles offen, verbirgt nichts - und erzeugt doch eine geheimnisvolle Wirkung. Vor monochromem Hintergrund lässt der Maler die aus Liniengerüsten konstruierten Gesichter stehen und lässt den Betrachter so ins erdfarbene Innere der Gesichter schauen.

Ralf Heese
Neu-Ulmer Zeitung vom 5.3.2007

… Wie lange arbeitet er an einem Bild, man kann es hier mit Händen greifen. Da gibt es gar nicht mal so große Farbflächen, die aufregend reliefartig und plastisch daherkommen, da sieht man eine Farbfläche, eine Schicht über der anderen, so dicht und so dick, dass sie nahezu wie veritables Mauerwerk wirkt.

Burhard Meier-Grolman
zur Eröffnung der Ausstellung in der Galerie im Kornhauskeller am 21.4.2006

Ähnlich wie beim Primitivismus Gauguins, Picassos oder Kirchners beinhaltet Bertram Bartls Neoarchaik m. E. eine gute Portion Gegenwartskritik. In seinen Werken äußert sich die Sehnsucht nach einem unentfremdeten Dasein. Wichtig dabei ist, dass die Formen und Inhalte von Bartls Neoarchaik nur vor dem Hintergrund unserer europäischen Kultur verständlich sind und nichts mit den wirklichen Absichten archaischer Kunst zu tun haben. „Ursprünglich“, „echt“ oder „kraftvoll“ wirken sie nur vor dem Hintergrund unserer Tradition. Gleichzeitig entlarvt Bartl aber auch die Ursprünglichkeitsversprechen unserer eigenen Gegenwart, indem er uns mit seiner Kunst zeigt, was an unserer Zivilisation zu kurz gekommen ist: Arbeitsteilung und Technik machen unsere Lebensverhältnisse kompliziert, undurchschaubar und manchmal sogar lebensfeindlich. Wir sind eben weit entfernt von einem ursprünglichen, instinktgeleiteten Leben.

Aber genau an diesem Punkt kann Bertram Bartls Kunst Brücken bauen: Denn was der Lebensalltag uns „globalisierten“ Menschen versagt, das kann der Mensch wenigstens im Bereich der Kunst ausleben oder erleben. Kunst gibt uns ein Modell, wie wir uns in der Gegenwart einrichten können. Wir verlangen von Künstlern nicht mehr die Feier oder Überhöhung bestehender Verhältnisse, sondern dass sie uns modernen Menschen eine Art Gegenentwurf zu unserer gelegentlich unterdrückten Natur geben.

Heidrun Heil
Kunsthistorikerin, Ulm

Das Archaische im Werk Bartls liegt zum einem in der Wahl seines Themas zum anderen in der Art und Weise, wie er dieses Thema umsetzt. Das Neo-Archaische – und damit das Zeitgenössische dieser Malerei – entdecke ich in den Brechungen, die sich in den Bildern wie in den Skulpturen finden lassen. Bei aller Schwere der Form, bei aller archaischen Kraft dieser auf ihre Wesensmerkmale geschrumpften Köpfe, sind es doch ganz heutige Personen - im weitesten Sinne -, die uns hier begegnen. Ihre archaische Erscheinung ist ein bewusst gewählter Zustand, um sich abzugrenzen, um sich nicht den Regeln von Gesellschaft und Markt einfach zu ergeben. Dass es sich nicht um hagestolze Einsiedler handelt, verrät uns die sorgsame malerische Durchführung. Sie lockt den Betrachter an, fordert ihn zum Verweilen vor dem Bild auf. Aus dieser Gleichzeitigkeit entsteht eine Spannung, die sich nicht entlädt. Dass Bertram Bartl uns damit konfrontiert, ist kein geringes Verdienst.

Dr . Martin Mäntele
Ulmer Museum

Veröffentlichungen/Redebeiträge

  • Dr. Krüger, Reto: Bertram Bartls Neoarchaik, Katalogvorwort (unveröffentlicht), Ulm 2003
  • Dr. Glocker, Jürgen: Ausstellungseröffnung Bertram Bartl am 15.10.2005 in der Alten Werkhalle in Waldshut-Tiengen
  • Meier-Grolmann, Burkhard: Bertram Bartls Neoarchaik, Ausstellungseröffnung 2006, Galerie im Kornhauskeller
  • Dr. Mäntele, Martin: Bertram Bartl, Neoarchaik, Ausstellungseröffnung 17.6.2009, Museum des Landkreises Neu-Ulm, Oberfahlheim
  • Heil, Heidrun (Kunsthistorikerin): „Bertram Bartl – Neoarchaik“, Ausstellungseröffnung 12.10.2009 Sparkasse Ulm
  • Käppeler, Ottfried: Entschiedene Reduktion, Südwestpresse Ulm, 7.3.2007
  • Käppeler, Ottfried: Vielfältige Köpfe, SWP, 20.6. 2009
  • Käppeler, Ottfried: Sein Motiv ist das Gesicht, SWP 25.4.2006
  • Käppeler, Ottfried: Hier wird Malerei fast schon zelebriert, SWP 2004
  • Wikipedia: Bertram Bartl